OLG Köln erschwert Anfechtungsklage gegen Entlastungsbeschluss

Mit dem kürzlich veröffentlichten Urteil vom 9. Juli 2009 (18 U 167/08) hat das OLG Köln die Anforderungen an die erfolgreiche Anfechtung von Entlastungsbeschlüssen erhöht. Das Problem ist, dass die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat keine Rechtsfolgen hat, insbesondere nicht zu einem Verzicht auf Schadensersatzansprüche führt (§ 120 Abs. 2 Satz 2 AktG), Daher wird in der Literatur vertreten, dass solche Beschlüsse im freien Ermessen der Hauptversammlung stünden und folglich gar nicht anfechtbar seien. Der Bundesgerichtshof (BGH) steht dagegen auf dem Standpunkt, dass Entlastungsbeschlüsse anfechtbar sind, aber nur wenn das Verhalten von Vorstand oder Aufsichtsrat eindeutig
einen schwerwiegenden Gesetzes- oder Satzungsverstoß  beinhaltet (BGHZ 153, 47, 50 ff). Dadurch soll, so der BGH, verhindert werden, dass eine zur Billigung rechtsbrechenden Verhaltens entschlossene Mehrheit gegen den Widerstand einer gesetzes- und satzungstreuen Minderheit eine Entlastung der Verwaltung jederzeit durchsetzen kann.

Das OLG Köln schließt sich dem zwar im Ausgangspunkt an, meint aber, ein schwerwiegender Verstoß könne nur dann angenommen werden, wenn die Verletzung von Gesetz oder Satzung den Teilnehmern der Hauptversammlung bekannt oder aufgrund der ihnen zugänglichen Informationen zumindest erkennbar war. Hierfür spreche, dass Gegenstand der gerichtlichen Überprüfung bei der Anfechtung eines Entlastungsbeschlusses nicht das Verhalten der Organe sei, denen Entlastung erteilt worden ist, sondern der Beschluss der Hauptversammlung. Dieser Beschluss sei aber nur dann fehlerhaft, wenn die Hauptversammlung aufgrund der ihr bekannten Informationen erkannt habe oder zumindest hätte erkennen können, dass das Verhalten der Organe, denen Entlastung erteilt werde, rechts- oder satzungswidrig war. Würde man dagegen unabhängig von der Kenntnis bzw. Kenntnismöglichkeit der Hauptversammlung auf die objektive Rechts- oder Satzungswidrigkeit des Organverhaltens abstellen, würde das Verfahren der Anfechtung des Entlastungsbeschlusses, so das OLG Köln, zu einer Kontrolle der Rechts- und Satzungsmäßigkeit des Verhaltens von Vorstand/Aufsichtsrat umfunktioniert. Das vom Bundesgerichtshof aufgestellte Merkmal der Eindeutigkeit des Verstoßes würde dadurch bedeutungslos.

Diese Auffassung mag zwar begrifflich überzeugen, verhindert aber nicht, dass der Hauptaktionär rechtsbrechendes Verhalten gegen die Minderheit durchsetzen kann. Genau dies ist jedoch nach Auffassung des BGH der Grund für die Zulassung von Anfechtungsklagen gegen Entlastungsbeschlüsse. Nach dem Modell des BGH ist die Anfechtung von Entlastungsbeschlüssen also ein Instrument des Minderheitenschutzes. Dem wird das OLG Köln nicht gerecht, wenn es auf die Kenntnismöglichkeit der Hauptversammlung abstellt. Denn häufig wird die Mehrheit  versuchen, dass Fehlverhalten der Organe geheim zu halten. Ein Minderheitenschutz würde dann nicht erreicht. Schließlich zeigt die tatsächlich erhobene Anfechtungsklage, dass zumindest die Minderheit in dem angegriffenen Verhalten der Organe einen schwerwiegenden Gesetztesverstoß sieht. Es geht eben genau um die vom OLG Köln nicht gewollte Kontrolle der Rechts- und Satzungsmäßigkeit des Verhaltens der Organe. Das Merkmal der „Eindeutigkeit“ wird auch nicht bedeutungslos, wie das OLG Köln befürchtet. Denn die Frage der „Eindeutigkeit“ kann sich auch auf den Zeitpunkt der mündlichen Verhandlung beziehen.

Immerhin erkennt das OLG Köln, dass seine Auffassung nicht zwingend ist und lässt die Revision zum BGH zu. Ich bin gespannt, wie der BGH entscheidet.

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OLG Frankfurt stellt Schadensersatzpflicht von Klaus Zapf wegen mißbräuchlicher Anfechtungsklage fest

Das OLG Frankfurt hat mit Urteil vom 13. Januar 2009 (5 U 183/07) festgestellt, dass der als „Berufskläger“ bekannte Speditionsunternehmer Klaus Zapf der Real Estate International Investment AG (vormals Nanoinvests AG) sämtliche Schäden ersetzen muss, die aus einer von ihm gegen einen Kapitalerhöhungsbeschluss erhobenen Anfechtungsklage resultieren. Dabei stützte sich das Gericht auf § 826 BGB (vorsätzliche sittenwidrige Schädigung). Die Sittenwidrigkeit des Verhaltens des Klägers haben die Frankfurter Richter aus der Mißbräuchlichkeit der Anfechtungklage abgeleitet. Mißbräuchlich sei eine Anfechtungsklage, wenn der Kläger die Klage mit dem Ziel führt, die verklage Gesellschaft in grob eigennütziger Weise zu einer Leistung zu veranlassen, auf die er keinen Anspruch hat und billigerweise auch nicht erheben kann. Diese Leistung hat das OLG in einem Vergleichsvorschlag gesehen, der zwischen Zapf und dem Großaktionär der Gesellschaft diskutiert, aber am Ende nicht abgeschlossen wurde. Danach sollte Zapf eine Anzahl an gratis Bezugsrechten erhalten, die um ein Vielfaches über der Anzahl seiner Aktien lag. Dabei störte sich der Senat nicht daran, dass sich das sittenwidrige Verlangen nicht gegen die Gesellschaft, sondern gegen einen Mitaktionär richtete. Denn Treuebindungen bestünden auch zwischen den Aktionären. Dies gelte zwar grundsätzlich nicht für Kleinaktionäre, auch Kleinaktionäre müssten aber jedenfalls bei der Erhebung von Anfechtungsklagen Rücksicht auf die Interessen der anderen Aktionäre nehmen. Die Sittenwidrigkeit begründet das OLG zusammenfassend wie folgt: „In der Gesamtwürdigung lässt der Senat sich leiten von dem raschen Zugriff des Klägers auf den ihm angebotenen Vergleich, der auf der Grundlage der vielfachen Prozesstätigkeit des Klägers einem planmäßigen Vorgehen entspricht, während die in der mündlichen Verhandlung betonten edlen Motive vorgeschoben sind …“. Zur Feststellung der vielfachen Prozesstätigkeit stützt sich das Gericht auf die sogennannte „Baums-Studie“ (Baums/Keinath/Gajek, Fortschritte bei Klagen gegen Hauptversammlungsbeschlüsse, 2007).

Für Berufskläger wird die Luft zunehmend dünner. Nicht nur der Gesetzgeber mit dem ARUG (siehe dazu meinen Beitrag Regierungsentwurf des ARUG verabschiedet: Internet-HV und Mindestschwelle von 100 Aktien für Anfechtungsklagen), sondern auch die Gerichte greifen härter durch. Das ist zu begrüßen. Auf der anderen Seite darf die Jagd auf Berufskläger nicht dazu führen, dass jeder Anfechtungsklage eines Kleinaktionärs der Generalverdacht des Mißbrauchs aufgestempelt wird. Sonst ginge eines der wenigen „scharfen Schwerter“ von Privataktionären gegenüber Unternehmensorganen und Großaktionären verloren.

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Verkauf der STRABAG Hochbausparte an Züblin war rechtmäßig

Das OLG Köln hat mit Urteil vom 15. Januar 2009 (18 U 205/07, Pressemitteilung) den Verkauf der STRABAG-Hochbausparte an die Ed. Züblin AG für rechtmäßig erklärt. Die anders lautende Entscheidung der Vorinstanz wurde aufgehoben. Der Verkauf war ohne Hauptversammlungsbeschluss erfolgt. Die Ed. Züblin AG ist eine Schwestergesellschaft der STRABAG AG. Konzernmutter ist die österreichische STRABAG SE, die Mitte 2008 ca. 88% der Aktien der STRABAG AG und die Mehrheit der Aktien und Stimmen an der Ed. Züblin AG hält. Zwischen der STRABAG SE und der STRABAG AG besteht kein Beherrschungsvertrag. Die Minderheitsaktionäre stützten ihre Klage im wesentlichen auf zwei Gesichtspunkte. Erstens, der Verkauf der Hochbausparte stelle eine unzulässige Satzungsunterschreitung, faktische Eingliederung der STRABAG AG in die STRABAG SE, faktische Verschmelzung der STRABAG AG mit der Züblin AG, aber jedenfalls einen sogenannten „Holzmüller“ Fall dar, so dass ein Beschluss der Hauptversammlung erforderlich gewesen wäre. Zweitens habe die STRABAG SE der STRABAG AG durch die Umstrukturierungsmaßnahmen „qualifizierte Nachteile“ zugefügt, die sich nicht mehr einzeln ausgleichen ließen. Das OLG wies beide Argumentationslinien zurück. Eine Satzungsunterschreitung liege nicht vor, da noch kleinere Anteile des Hoch- und Ingenieurbaus bei der STRABAG AG verblieben waren; einen „Holzmüller“ Fall stelle der Verkauf der Hochbausparte auch nicht dar. Nachteile seien nicht substantiiiert dargelegt worden. Es sei nicht ordnungsgemäß festgestellt worden, dass der Kaufpreis unangemessen niedrig gewesen sei. Außerdem habe die Hochbausparte in den letzten Jahren überwiegend Verluste erwirtschaftet, so dass die Abgabe auch wirtschaftlich kein Nachteil sei.

Leider liegt die Entscheidung noch nicht im Volltext vor. Die PM spricht von einem „umfangreichen Urteil“. Das wundert mich nicht, sind doch einige der umstrittensten Fragen der Verhaltenspflichten im faktischen Konzern Gegenstand dieses Rechtsstreits. Einerseits die ungeschriebene Kompetenz der Hauptversammlung bei Umstrukturierungsmaßnahmen („Holzmüller“ / „Gelatine“ Rechsprechung). Andererseits die mit „qualifizierten Nachteilen“ angesprochene weiter lebendige Lehre vom „qualifiziert faktischen Konzern“. Im Ergebnis stärkt das OLG Köln auf beiden Feldern die Rechtsstellung des herrschenden Unternehmens und schwächt die Position der Minderheitsaktionäre.

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Regierungsentwurf des ARUG verabschiedet: Internet-HV und Mindestschwelle von 100 Aktien für Anfechtungsklagen

Am 5. November 2008 hat das Bundeskabinett den Regierungsentwurf eines Gesetzes zur Umsetzung der Aktionärsrichtlinie (ARUG) beschlossen. In einer Pressemitteilung des BMJ vom gleichen Tag werden die wesentlichen Inhalte und Ziele des Gesetzentwurfs ausführlich dargestellt. Im Kern geht es darum, die Aktionärspräsenz bei Hauptversammlungen zu erhöhen und mißbräuchliche Anfechtungsklagen sogenannter räuberischer Aktionäre weiter zu erschweren. Konkret wird es endlich möglich, per Internet an Hauptversammlungen teilzunehmen und seine Stimme abzugeben. Außerdem wird eine Mindestschwelle von 100 Aktien (bei einem Nominalwert oder rechnerischen Betrag des Grundkapitals von EUR 1 pro Aktie) für Anfechtungsklagen eingeführt. Das ist nichts halbes und nichts ganzes. Entweder hätte man eine wirklich spürbare Mindestschwelle wählen oder auf dieses rechtspolitisch sehr umstrittene Mittel völlig verzichten sollen.

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