Ohne Internet

„Without a Net“, das ist der provozierende Titel eines Artikels des Oxford Professors Jonathan Zittrain in der Januar/Februar Ausgabe der Zeitschrift „Legal Affairs“ zu den Gefahren von Viren und Würmern für das offene Internet. Kernthese ist, dass ohne verstärkte Sicherheitsbemühungen auf Ebene der Hersteller, der ISPs und einer internationalen Zusammenarbeit aller interessierten Gruppen, das Internet durch gezielte Malware Attacken seinen 11. September erleben wird, mit der Folge, dass Regierungen sich gezwungen sehen werden, die Nutzung des Internet restriktiv zu regulieren. Gefunden bei Lawrence Lessig.

Der Autor stellt kurz die Geschichte des Internet dar. Interessant und passend fand ich das Bild, das er zur Erklärung des Erfolgs des Internets, gerade gegenüber proprietären Systemen wie Compuserve und AOL, gebraucht: Die „Sanduhr“ („hourglass“) Architektur des Netzes. Wie bei einer Sanduhr sind die Enden breit und die Verbindung schmal. Sowohl die Computer am einen Ende als auch am anderen Ende der Sanduhr sind frei in den Anwendungen, die sie zur Verfügung stellen oder nutzen werden. Alles läuft jedoch über das enge Nadelöhr des TCP/IP Protokolls, das die standardkonforme Übertragung aller Daten sicherstellt. Dritte können unter Nutzung dieses Protokolls unreguliert Programme und Dienste anbieten. Zittrain bezeichnet dies als „generativity“.

Der Begriff gefällt mir. Generativität ist ein Fachterminus aus der Psychlogie: In Psychologie Heute (Heft 04/2002, S. 20) wird der Begriff wie folgt definiert:

Als Generativität bezeichnete er [der Entwicklungspsychologe Erik Erikson] Fortpflanzungsfähigkeit, Produktivität, Kreativität, also die Hervorbringung neuen Lebens, neuer Produkte und Ideen einschliesslich einer Art Selbstzeugung, die mit der weiteren Identitätsentwicklung befasst ist

Das Internet hat laut Zittrain mittlerweile Anwenderschichten erreicht, die nicht mehr in der Lage seien, ihre Computer zu schützen; dies sei unter den gegenwärtigen Bedingungen selbst für Profis schwierig. Eine Lösung könne daher nicht alleine beim Endanwender ansetzen.

Einen Lösungsansatz fand ich besonders interessant: Ein Bewertungssystem für Software und Anbieter, das ähnlich wie das Verkäuferbewertungssystem von eBay funktioniert. Unzuverlässige Anbieter würden so schnell identifiziert und könnten ihre Malware nicht mehr verteilen. Dies setzt allerdings ein weltweit angewandtes Identitätsprüfungsverfahren voraus. Man sieht, die Lösung des Problems ist nicht einfach. Die ständige „Selbstzeugung“ des Internet ist in Gefahr. Kommentare sind willkommen!

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